44. GutsMuths-Rennsteiglauf am 20./21.5.
Mittwoch, 01 Juni 2016

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Zieleinlauf - oder das Ende der Hölle

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un - vergesslich  ;o)

Supermarathon von Eisenach zum schönsten Ziel der Welt in Schmiedefeld

Mein Glück fand ich am Ende der Hölle 

Und die Hölle besteht aus:
72,7 km Stecke 
1.867 Höhenmeter Auftstieg
1.382 Höhenmeter Abstieg 
Zeit: 7:46:05

Nachdem ich mich vor gut 9 Monaten mit meinem Laufkumpel Andi in einem Anflug von Vergesslichkeit - wie vergesslich, darauf komme ich noch zurück - zu einem weiteren Start beim Rennsteiglauf verabredet hatte, war es nun soweit. 

Es ist Freitag der 20.05.2016 und wir treffen uns, nach einer kleinen Verspätung meinerseits, um 17:20 in Schmiedefeld wo wir unsere Autos abstellen und uns nach Zella-Mehlis zum Bahnhof fahren lassen. Den Zug erwischen wir noch und so ist die Verspätung nicht mehr schlimm. Jetzt haben wir erstmal gute eineinhalb Stunden Zeit, den Alltag fallen zu lassen und uns auf das Event zu freuen. 

Unser Hotel liegt ideal auf dem Weg vom Bahnhof zur Startnummernvergabe und dem Festzelt. So müssen wir keine Taschen oder R
ucksäcke rumschleppen und können ganz entspannt an der Kloßparty teilnehmen. Ja, hier gibt es keine Nudeln, sondern Gulasch mit Thüringer Klößen und Blaukraut. Schmeckt so gut dass der Nachschlag sein muss. Bierchen dazu die "Rocking Turtels" aus Potsdam spielen Musik, die Stimmung ist absolut entspannt. Hier gibt es keine Wundermittel zu kaufen, keine Gel´s, Fruchtsäfte oder sonstigen "Läuferschnickschnack". Hier gibt es einen Bierstand und das ist auch das Hauptgetränk, welches über die Theke geht. Man kommt nicht drauf dass hier gerade ca. 1800 Ultraläufer am Abend vorm Start zu sehen sind. Könnte fast ein Musikertreffen sein. 

Der große Tag ist da. 4:00 Uhr morgens geht der Wecker, aber das ist ok. Wetter Check, 13 Grad hier und 17 Grad werden in Schmiedefeld erwartet, also rein in die kurzen Sachen. Ich freu mich schon so richtig dass es los geht. Ich erwähnte es schon mal, ich muss vergesslich sein. Sonst hätte ich wohl vielmehr etwas Angst vor der Stecke. Ist aber nicht so. Dummheit kann ein Segen sein. Ab zum Frühstück. Um halb sechs sind wir dann am Marktplatz und geben unser Gepäck ab. Die Organisation ist super. Ab in den großen Beutel mit der großen Tasche, rauf auf den Lkw und schon ist man den Bal
last los. Nur noch eine Viertel Stunde bis zum Start, noch immer alles entspannt. ca. 2400 Starter und keiner läuft hektisch zum Aufwären auf und ab. 

Und jetzt gehts endlich los. 6:00 Uhr und der Startschu
ss fällt. Erstmal nen knappen Kilometer durch die Stadt und dann beginnt der erste Anstieg. Die ersten 3 km gehen deutlich bergauf, die darauf folgenden 21 km stetig. Daran kann ich mich erinnern. Es läut gut an, und an der ersten Verpflegungststelle hab ich noch nicht mal das Bedürfnis zu trinken, kommt doch eh alle 5 km was.

A
ndi habe ich schon verloren, er wird am Ende nicht bis ins Ziel laufen sondern an der Station Grenzadler aussteigen. Ich laufe quasi alleine weiter. Sonst kenne ich hier niemanden. Doch Klaus läuft mit seiner Freundin Birgit den Halbmarathon. Aber keine Chance die beiden zu treffen, da liegt zu viel Weg dazwischen. Und im Ziel werden wir uns diesmal auch nicht sehen. Auch wenn jeder noch zum einen oder anderen Bier auf der Läuferparty geblieben ist haben wir uns in der Menge nicht getroffen. Den einen oder anderen Plausch gibt es unterwegs dennoch immer wieder, alle sehr aufgeschlossen und freundlich hier.

Kilometer 10, alles gut. Was zum Trinken greifen und ein wenig Obst und es kann weiter gehen. Und es geht noch immer bergauf, aber erträglich. Bei km 18 gibt es den Energieriegel des Rennsteigs, Haferschleim. Läßt sich trinken, gibt viel Energie und ist gut verträglich. Ganz allgemein ist die Versorgung hervorragend. Ab Kilometer 25 gibt es alle 8-10 km Obst, belegte Brote, Brühe, Würstchen und mehr. Jetzt aber wieder auf die Strecke. Der Inselsberg ist erreicht. Der erste lange Anstieg ist geschafft. Aber da war doch was, ach ja jetzt geht´s erstmal bergab. Und gleich so steil dass als nächstes Stufen kommen und so langsam auch wieder die eine oder andere nicht so angenehme Erinnerung. Das Gute, unten gibts Verpflegung und dann noch 10 Kilomter bis zur Ebertswiese, eine große Versorgungsstelle mit fast allem, was das Herz begehrt. Und ganz wichtig, hier ist die Hälfte schon geschaft. Die Verpflegungsstationen liegen immer direkt vor dem nächsten Anstieg und die Gehpausen sind in diesen Bereichen quasi schon Pflicht, aber auch ohne Wurst in der Hand werden die steileren Anstiege schon gegangen, man merkt so langsam die ersten paar hundert Höhenmeter die die Beine weg haben und die Erinnerungen ans letzte Jahr fangen so langsam an nicht mehr nur schön zu sein. Aber noch geht alles ganz gut und ich bin mit einer Marathonzeit von ca. 4 Stunden gut im Rennen. Hier kommt ein echter Wadenbeiser. Jetzt muss ich zum ersten mal Bergauf gehen, ab hier spüre ich meine Beine zum ersten mal richtig. Das gute, oben ist es der Streckenverlauf nur wellig, bis zum Grenzadler. Hier wird Zwischenzeit genommen und wer zu schwach ist kann hier offiziell aussteigen und wird per Bus zum Ziel gefahren. Das kommt aber natürlich überhaupt nicht in Frage. Auch wenn ich zugeben muss, dass der Gedanke auszusteigen, schon einen gewissen Charme entwickelt hat. Aufgegben ist keine Option. Weiter geht es und gleich wieder bergauf. Klar, gab ja gerade Verpflegung. Und jetzt kommen die Erinnerungen so richtig hoch. Es war nicht nur schön letztes Jahr, nein es tat weh. Und es tut wieder weh. Hatte ich es vergessen oder verdrängt? Jetzt, wo alles beginnt zu schmerzen hilft die Erinnerung auch nichts mehr. Wo war mein Hirn als ich mich angemeldet habe?

Und jetzt werde ich mich auch zum ersten Mal setzen müssen. Die schlimmsten Anstiege sind geschafft, der Köper aber auch. Ich habe fast 60 km hinter mir und schreie mich innerlich an nicht stehen zu bleiben. Nur noch ein Kilometer und der höchste Punkt ist erreicht. Und hier gibt es etwas tolles. Bier. Seit Stunden habe ich nichts von diesem Zaubertrank zu mir genommen, ich bin nicht erschöpft sonder völlig unterhopft und ich rede mir ein letzes Jahr gings danach besser. Dieses Jahr auch, so für 200mtr. dann war die Realität wieder schneller. Die Beine sind jetzt auch nicht mehr stark genug um vor ihr zu fliehen. Es ist eine Qual. Die Lunge macht zu, ein Gefühl das ich nicht kenne. Ich kann meinen Körper nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgen, muss auf den
Geraden, ja zum Teil Bergab gehen. Der Brustkorb brennt und der Kopf tut sich schwer, Motivation zu finden. Warum nur tut man sich diesen Scheiß an. Warum quält man sich so? Hecheln, fluchen, schleichen und nur nicht aufgeben. Eines hilft, es sind viele die nicht besser aussehen. Hier laufen nicht mehr alle aufrecht, hier wird sich durchgeschleppt. 

Die letzten 8 Kilometer waren reine Schinderei. Warum erinnere ich micht erst jetzt wieder im vollem Umfang daran
, was Schmerzen sind? Ach ja, ich empfinde sie gerade, egal jetzt geht es abwärts. Nur noch abwärts. Es zieht sich, es ist nicht zu glauben wie lange 4 Kilometer berab sind, aber mit jedem Meter kommt die Motivation zurück. Man trifft wieder mehr Wanderer, man merkt die Nähe zum Ort. Jetzt ist der Berg endlich zu Ende und man sieht die ersten Gartenzäune. Fast geschafft noch ein paar Meter und man hört die Zuschauer, noch eine Kurve und man sieht die Zielgasse. Und jetzt kann ich auch wieder lächeln nein ich kann lachen und jubeln. Ich habe nicht aufgegeben und bin gelaufen von Eisenach zum schönsten Ziel der Welt nach Schmiedefeld.

Und es war doch einfach nur schön. Ich glaube nächstes Jahr lauf ich wieder. War ja gar nicht so schlimm. 

Euer Candy